Rosenheim: Bohrmaschine und Buch

Die Stadtbücherei Rosenheim leiht seit neustem nicht nur Krimis, Fachbücher oder CDs aus, sondern auch Gebrauchsgegenstände und hat nun eine "Bibliothek der Dinge".

Rosenheim - Maja Huber dreht an der Kurbel einer Nudelmaschine und erklärt, wo der Einsatz für die Tagliatelle anzubringen ist. Gerade erst hat sie das Gerät ausgeliehen – in der Rosenheimer Stadtbücherei. „Ich hab’ geglaubt, mir fällt ein Aug’ raus, als ich die Maschine hier gesehen habe“, lacht die Tierärztin. Jede Woche schaut sie ein bis zwei Mal in der Bibliothek vorbei, die dem katholischen Büchereifachverband Sankt Michaelsbund (SMB) angeschlossen ist. Hier lassen sich nicht nur Krimis, Fachliteratur oder CDs ausleihen, sondern auch eine Bohrmaschine, ein Häkelset und sogar eine Helmkamera. Seit Ende März ist diese „Bibliothek der Dinge“ eröffnet, für die Theresa Doff zuständig ist: „Viele Menschen haben gedacht, es sei ein vorgezogener Aprilscherz, dass wir jetzt auch etwas anderes als die üblichen Medien verleihen.“ Aber es war und ist völlig ernst gemeint und gute Gründe hat die Bibliothekarin dafür auch: „Wir wollen damit Menschen ansprechen, die uns vorher nicht wahrgenommen haben.“ Auch ein sozialer Gedanke ist dabei: „Nicht jeder kann sich zum Beispiel ein Heimplanetarium leisten.“

Sozial und nachhaltig

Doff zeigt auf eine schwarze Kugel mit zwei Projektionsscheiben, durch die sich der Sternenhimmel im heimischen Wohnzimmer kennenlernen lässt. „Auch dadurch erfüllt die Bibliothek ihren Auftrag, Wissen und Bildung zu vermitteln“, erklärt Doff. Zudem soll die „Bibliothek der Dinge“ Begegnungen und einen Informationsaustausch unter den Besuchern anstoßen. Da ist etwa die Nähmaschine im Sortiment. Doff kann sich gut vorstellen, demnächst Nähkurse anzubieten, bei denen die Teilnehmer Handarbeitsbücher aus der Stadtbibliothek empfehlen. Wer will, kann die Nähmaschine aber auch alleine und ohne Einführung benutzen: „Wir achten grundsätzlich darauf, dass die Dinge selbsterklärend sind“, betont die Bibliothekarin. Maja Huber hat sich zurzeit die Helmkamera ausgeliehen, um eine Mountainbike-Tour zu filmen. Beim Ausprobieren ist sie damit schon ganz gut zurechtgekommen. Ihr ist es vor allem wichtig, Elektroschrott zu vermeiden und auf Nachhaltigkeit zu achten: „Es gibt so viele Sachen, die man nur selten braucht, und wenn man sie besitzt, irgendwann wegschmeißt.“ Deshalb ist sie von der „Bibliothek der Dinge“ so begeistert.

Rosenheim ist Vorreiter

Sie steht damit nicht alleine. Doff erzählt, dass viele der zurzeit 18 Gegenstände mittlerweile vorbestellt sind und sich bei weitem nicht alles spontan ausleihen lässt. Die Idee, Haushaltsgeräte oder auch ein Federballset statt Bücher in die Regale zu stellen, hat sie aus der slowakischen Hauptstadt Bratislava übernommen. Die dortige Stadtbücherei hat dadurch einen erheblichen Zuwachs an Nutzern festgestellt.In Bayern und Deutschland ist Rosenheim Vorreiter: „Wir gehören bestimmt zu den allerersten“, ist Doff überzeugt. Das zeigt sich auch daran, dass Kollegen aus Berlin und Stuttgart anrufen und nach ihren Erfahrungen fragen. Demnächst hält sie an der Bayerischen Staatsbibliothek einen Vortrag über die „Bibliothek der Dinge“, für die sie eifrig wirbt. Und vielleicht wird es schon in ein paar Jahren kaum noch eine Bücherei geben, in der neben dem neuesten Krimi von Donna Leon nicht auch eine Bohrmaschine liegt

Diesen Artikel und den dazugehörigen Beitrag im Münchner Kirchenradio finden Sie hier.

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